Handball historisch

„Das Schicksal war gegen uns”

Wilhelm Neumann erinnerte im Gespräch mit der WAZ an die früheren Glanzzeiten des Oberhausener Handballsports. Einst wurde er mit der Spvgg. Oberhausen-Styrum westdeutscher Vizemeister

„Wir spielten morgens um 11 Uhr Handball auf dem großen Feld, vor oftmals drei- bis viertausend Zuschauern, saßen ein paar Stunden gemütlich beisammen und sahen ab 15 Uhr unsere Fußballmannschaft”, berichtet Wilhelm Neumann, der die damalige Aufstellung des Niederrheinmeisters von 1928 und 1929 noch immer parat hat: Wilkening, Heinz Faber, Funke-Kaiser, Paul Faber, Ahronds, Meinbresse, Schulze, Fritz Faber, Neumann, August Faber, Weiers. Über die Entwicklung des Handballs, allgemein in Oberhausen und speziell bei RWO, dem Nachfolgeverein der Spvgg., berichtet die Chronik „50 Jahre SC Rot-Weiß Oberhausen”. Das erste Handballspiel war 1924 fällig - im knöcheltiefen Schnee auf dem Industrieplatz . Gegen PSV Duha gab es ein 1:1. Nur zwei Tore? „Das lag an den Bällen, die so groß wie Fußbälle waren,” erklärt Neumann. Da wunderte es auch nicht, dass die deutsche Handballmeisterschaft an der Lothringer Straße 1:0 endete. Vor 5000 Zuschauern siegte Eller 04 gegen Waldhof Mannheim. Die Nachfolger spielten bei DM-Finals unter anderem vor gefüllten Rängen im Stadion Niederrhein. Die damaligen Handballspieler waren meist auch gute Leichtathleten. Mit ihren Qualitäten von der Aschenbahn und dem Wurfring boten sie beste Voraussetzungen für den Handballsport. Wilhelm Neumann startete für den VfL 97 Oberhausen. Bei einem der beliebten Dreikämpfe in Wesel belegte er den 2. Platz. Die Aushängeschilder des Teams waren damals vor allem Alex Henning, Bernhard Moede, Heini Riß, Peter Meinbresse sowie die schussstarken vier Brüder Faber, die - wie Neumann - vom Turnerbund kamen. Franz Möller (TBO) schreibt in seinen Erinnerungen: „Wussten Sie, dass die Leichtathleten im TBO seit den 20er Jahren einen Geschwisterrekord der besonderen Art halten, der in einem Vereinsgeschehen wohl einmalig ist? Es waren die damals weithin bekannten fünf Brüder Faber, August, Felix, Fritz, Hermann und Paul.” Schwester Finchen, die in ihrer Zeit wohl beste Oberhausener Mehrkämpferin, komplettierte das halbe Faber-Dutzend. Heinz Kron beschreibt in der RWO-Chronik, wie die Mannschaft in der Endrunde um die westdeutsche Krone spielte: „In Aachen wurde unter dem Begeisterungstaumel einiger treuer Anhänger der PSV Köln 2:1 geschlagen. Im entscheidenden Spiel gegen den KSV Remscheid hätte ein Sieg gereicht. Das Schicksal war aber gegen uns. Ein mehr als unglückliches Gegentor in den letzten Minuten erbrachte nach langer Führung und sicher scheinendem Sieg ein 2:2.” Das war die westdeutsche Vize-Meisterschaft. Nochmals aus der RWO-Chronik zum unglücklichen Meisterjahr 1934: „Im Zuge der Umstellung auf den NS-Reichsbund für Leibesübungen wurden alle Aufstiegshoffnungen hinfällig.” Die Mannschaft wurde trainiert von Karl Winkler, dem Erfolgscoach der RWO-Fußballelf, und blieb in der Bezirksklasse. Die erste RWO-Mannschaft nach dem 2. Weltkrieg fand bei ihrer Klasse schnell die Gunst des handballbegeisterten Publikums und spielte an der Lothringer Straße stets vor vierstelligen Zuschauerzahlen. Auf Lokalebene hießen die ernsten Konkurrenten TuS Alstaden 87, Sterkrade 06/07, Sterkrade 69, Sparta Oberhausen und vor allem ETuS Osterfeld. Mit seinen Assen Franitza (Tor), den Torjägern Schulte und Bonin wurde ETuS der erste Oberhausener Oberligist. RWO zog 1952 nach mit Schultheiß, Ritter, Rumschick, Zimmer, Altermann, Ploschke, Heiduck, Hotz, Ellmann, Binke, Höhle. Trainer war Hans Keiter. Der Nationalspieler und Teilnehmer an den Olympischen Spielen 1936, führte sogar einige Male auf dem Platz Regie. RWO hielt sich nur ein paar Jahre in der höchsten Klasse. Die Umstellung von Feld auf Halle kam dem Verein nicht zugute. Als sich die Handballabteilung von Sterkrade 69 auflöste, brachte die Mehrzahl der 69er die Lizenz für die zweithöchste Spielklasse (Regionalliga) mit zur Landwehr. Dennoch ging es bei RWO weiter bergab. Im Zuge des Bundesligaskandals und der finanziellen Misere verließ eine Abteilung nach der anderen den Verein. Ein Neuanfang blieb ohne den gewünschten Erfolg. Heute spielt der selbständige HC Rot-Weiß Oberhausen mit den Männern in der Verbandsliga - als höchstes OB-Team. Wen wundert es, wenn Wilhelm Neumann an dieser Stelle lieber die alten Zeiten von einst heraufbeschwört.

WAZ - Oberhausen, 12.11.2007, Edmund Koch